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Call for Papers 2027|1: Entwicklung zukunftsfähiger Curricula – Studiengangsentwicklung als organisationaler Gestaltungsraum

11.12.25

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Gesellschaftliche Transformationsprozesse und Krisen stellen Hochschulen vor grundlegende Herausforderungen: Sie betreffen das Rollenverständnis der Hochschule, die Gestaltung von Lehr- und Lernprozessen sowie die Förderung von Kompetenzen im Verlauf eines akademischen Studiums – und damit die Frage nach zukunftsfähigen Curricula (Wissenschaftsrat, 2022). Studieninhalte und Lernformen sind flexibler auf Bedarfe von Studierenden, Gesellschaft und Berufspraxis auszurichten (Jäger, 2020, S. 55). Zugleich gewinnen inter-/transdisziplinäre Zugänge (Braßler et al., 2023) sowie überfachliche bzw. generische Kompetenzen (Dippelhofer et al., 2025; Ehlers, 2020) weiter an Bedeutung. Entwicklungen der Digitalisierung (Budde et al., 2024; Seidl & Michel, 2021) und der KI (Bremer et al., 2025; Wannemacher et al., 2025) verändern nicht nur die Anforderungen an Lehren, Lernen und die Kompetenzentwicklung, sondern führen zu tiefgreifenden Veränderungen in Lern-, Lehr-, Forschungs- und Berufspraxis. Vor diesem Hintergrund rückt die Frage in den Fokus, wie diese Veränderungen in der Studiengangsentwicklung aufgegriffen und reflektiert werden können. Wie sind zukunftsfähige Curricula inhaltlich und didaktisch auszugestalten? Und wie kann Studiengangsentwicklung als organisationaler Veränderungsprozess gestaltet werden? Dem widmet sich das dritte Heft von Horizont Lehre.

Das Themenheft nimmt seinen Ausgang in den Erfahrungen der HAW Hamburg und des Projekts KOMWEID. Wichtige Meilensteine der Praxis der Studiengangsentwicklung an der HAW Hamburg sind ein Konzept der kompetenzorientierten Curriculumsentwicklung (Rasch, 2021; Reis, 2015), eine Vielzahl von Begleitungen lokaler Studienreformprozesse (Ditzel et al., 2014; Ditzel & Rasch, 2021) sowie die Systematisierung und Beschreibung generischer Kompetenzen in einer Kompetenzmatrix (Ditzel et al., 2023) als Orientierungs- und Reflexionsrahmen. Ausgehend von diesen Erfahrungen wollen wir einen Diskurs- und Reflexionsraum eröffnen, um Erfahrungen und Erkenntnisse aus der Praxis der Studiengangsentwicklung zu reflektieren und zu teilen, theoretische und empirische Perspektiven praxisorientiert aufzubereiten sowie über zukunftsfähige Curricula und ihren Gestaltungsprozess nachzudenken.

Studiengangsentwicklung ist kein neues Thema, bleibt aber im hochschuldidaktischen Diskurs bislang unterrepräsentiert (Jenert, 2025, S. 317). Während Fragen der Lehrentwicklung und Qualitätssicherung intensiv diskutiert werden, rückt die curriculare Ebene als organisationales Gestaltungsfeld der Hochschulentwicklung erst allmählich in den Fokus (Brahm et al., 2016). Dabei ist sie für die strategische Ausrichtung von Studiengängen und die Bearbeitung gesellschaftlicher Herausforderungen zentral. In der Literatur finden sich unterschiedliche Systematisierungen zur Einordnung: Jenert (2025) differenziert die US-amerikanisch geprägte programmatische und die disziplinär-kanonische Tradition im deutschsprachigen Raum als unterschiedliche Paradigmen, innerhalb derer sich die Studiengangsgestaltung bewegt. Salden et al. (2016) beschreiben eine strukturorientierte, eine didaktische und eine prozessorientierte Perspektive auf Studiengangsentwicklung und welche Aspekte dabei jeweils im Vordergrund stehen. Außerdem werden unterschiedliche Phasen bzw. Prozessschritte beschrieben (z. B. Gerholz & Sloane, 2016; Schaper, 2012, S. 37–41) sowie Ebenen benannt, auf denen Fragen der Studiengangsgestaltung verhandelt werden (Hansmeier, 2017, S. 81–95; Kretschmer, 2018, S. 64–66). Insgesamt existiert damit eine Vielzahl unterschiedlicher Ansätze (Haerer & Herzwurm, 2022).

Mögliche Beiträge

Die Anforderungen an die Gestaltung von Curricula sind im hochschuldidaktischen Diskurs gut dokumentiert. Offen bleibt jedoch, wie gesellschaftliche Transformationsprozesse sowie Veränderungen in der Berufspraxis konkret in kompetenzorientierte Curricula und deren Entwicklungsprozesse integriert werden. Vor diesem Hintergrund richtet sich der Fokus des Themenheftes auf zwei zentrale Aspekte:

Erstens geht es auf Ebene der Architektur der Curricula um die Frage, wie zukunftsfähige Curricula inhaltlich, strukturell und didaktisch auszugestalten sind. Dabei geht es auch darum, wie sich diese Gestaltung der Curricula zu traditionell fachdisziplinären Perspektiven verhält bzw. wie neue Perspektiven und Themen in die fachdisziplinäre Gestaltung der Curricula integriert werden können.

  • Wie werden Themen wie Digitalisierung, KI, Inter-/Transdisziplinarität, Nachhaltigkeit, Internationalisierung, Demokratie, Diversity und Antidiskriminierung etc. in die Curricula integriert?
  • Welche Lehr-, Lern- und Prüfungsformen sind sinnvoll und wie können sie die Gestaltung der Lehr- und Lernpraxis im Sinne von Metakonzepten curricular rahmen?
  • Welche curricularen Gestaltungsansätze tragen dazu bei, eine Lehrhaltung im Sinne von students-as-partners (Bovill & Woolmer, 2019; Healey et al., 2016) zu etablieren?
  • Welche Ansätze und Beispiele gibt es für die curriculare Gestaltung der Studieneingangsphase (erstes und zweites Semester)?
  • Welche Ansätze und Beispiele gibt es für eine zukunftsfähige Architektur der Curricula im Hinblick auf eine zeitliche, räumliche und inhaltliche Flexibilisierung sowie Freiräume für selbstbestimmtes Lernen und Experimentieren?

Zweitens geht es auf Ebene des Prozesses der Studiengangsentwicklung und seiner organisationalen Rahmung um die Frage, wie diese Veränderungen herbeigeführt werden können. Es geht also darum, wie sich Studiengangsentwicklung als kollektive Gestaltungspraxis begreifen lässt in einem Umfeld, das nach wie vor durch die starke Stellung wissenschaftlicher Disziplinen und die individuelle Autonomie geprägt ist – trotz hochschulpolitischer Steuerungsversuche (Huber, 2023, S. 447).

  • Wie entstehen Curricula (empirischer Fokus)? Wie kann Studiengangsentwicklung als organisationaler Veränderungs- und Aushandlungsprozess gestaltet werden (normativer Fokus)?
  • Wie gelingt Studiengangsentwicklung im Spannungsfeld widersprüchlicher Paradigmen, Perspektiven, Zielsetzungen und Handlungslogiken?
  • Wie gelingen flexible(re) und schnelle(re) Prozesse der Studiengangsentwicklung?
  • Welche organisationalen Strukturen und Schnittstellen – etwa zu Qualitätsmanagement, Lehrentwicklung, Hochschuldidaktik, Strategie und Kapazitätsplanung – sind relevant und wie können sie gestaltet werden? Wie ist Studiengangsentwicklung in Hochschulstrukturen eingebettet?
  • Welche Phasen, Modelle sowie Akteurinnen und Akteure sind relevant? Wie und an welchen Stellen im Prozess können Berufspraxis und Zivilgesellschaft einbezogen werden?
  • Welche Methoden können in partizipativen Prozessen der Studiengangsentwicklung eingesetzt werden? Wie sieht eine co-kreative Mitgestaltung durch Studierende aus?

Der Blick richtet sich darauf, was gesellschaftliche Transformationsprozesse sowie Veränderungen in der Berufspraxis für die Gestaltung der Studiengänge und die Prozesse der Studiengangsentwicklung bedeuten. Damit sollen die Beiträge über die Formulierung unterschiedlichster Anforderungen an die Gestaltung von Curricula deutlich hinaus gehen. Der Fokus liegt auf Studiengangsentwicklung als organisationalem Gestaltungsraum.

Wir laden ein, für das Themenheft Beiträge zu schreiben, die sowohl die Praxis der Studiengangsentwicklung als auch deren wissenschaftliche Reflexion beleuchten. Ziel ist es, theoretische und empirische Perspektiven mit praxisorientierten Ansätzen zu verbinden, um Studiengangsentwicklung als strategisches Feld der Hochschulentwicklung zu diskutieren und innovative Formate für die Gestaltung zukunftsfähiger Studiengänge auszuloten.

Unser Interesse gilt dabei auch der studentischen Perspektive auf Erlebnisse, Probleme und Themen im Bereich Studiengangsentwicklung sowie studentische Forderungen an die Gestaltung zukunftsfähiger Studiengänge.

 

Die Einreichung von Beiträgen ist in folgenden Rubriken möglich: Forschungsperspektiven (als theoretischer oder empirischer Beitrag), Praxisperspektiven (reflektierte Praxisberichte), Zukunftsperspektiven (Skizzieren von Zukunftsideen), Umsetzungsperspektiven (praktische Handlungsempfehlungen und Leitfäden) sowie studentischen Perspektiven (siehe auch Rubriken).

Ausführlichere Informationen zur Einreichung von Beiträgen finden Sie unter https://www.haw-hamburg.de/qualitaet-in-der-lehre/komweid/horizont-lehre.

Zeitplan

  • Dezember 2025: Veröffentlichung des Call for Papers
  • Bis 30.08.2026: Einreichung vollständiger Beiträge
  • Bis 01.12.2026: Rückmeldung/Review zu den Beiträgen
  • Bis 15.01.2027: Überarbeitung der Beiträge
  • Februar 2027: voraussichtlicher Erscheinungstermin des Themenhefts

Ansprechpartner:innen

Benjamin Ditzel und Sabine Rasch,        
Zentrum für Lehren und Lernen, Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg
horizontlehre@haw-hamburg.de, https://hl.publia.org

Literatur

Bovill, C., & Woolmer, C. (2019). How conceptualisations of curriculum in higher education influence student-staff co-creation in and of the curriculum. Higher Education, 78(3), 407–422. https://doi.org/10.1007/s10734-018-0349-8

Brahm, T., Jenert, T., & Euler, D. (2016). Pädagogische Hochschulentwicklung als Motor für die Qualitätsentwicklung von Studium und Lehre. In T. Brahm, T. Jenert, & D. Euler (Hrsg.), Pädagogische Hochschulentwicklung: Von der Programmatik zur Implementierung (S. 19–36). Springer VS. https://doi.org/10.1007/978-3-658-12067-2_2

Braßler, M., Brandstädter, S., & Lerch, S. (Hrsg.). (2023). Interdisziplinarität in der Hochschullehre. wbv.

Bremer, C., Eichhorn, M., Feil, S., Haberer, M., Hawlitschek, A., Lohner, D., Mandausch, M., Neiske, I., Pohl, H.-M., Schmitz, B., Sperl, A., & Watolla, A.-K. (2025). Didaktische Handreichung zur praktischen Nutzung von KI in der Lehre. Arbeitsgruppe Digitale Medien und Hochschuldidaktik der Deutschen Gesellschaft für Hochschuldidaktik in Kooperation mit der Gesellschaft für Medien in der Wissenschaft. https://www.gmw-online.de/wp-content/uploads/2024/10/KI-Handreichung-dghd_GMW_V01_21102024.pdf

Budde, J., Ionica, L., & Vissiennon, M. (2024). Studiengänge für eine digitale Welt. Whitepaper zur Curriculumentwicklung  als hochschulweiter Veränderungsprozess (Arbeitspapier No. 76). Hochschulforum Digitalisierung. https://www.che.de/download/studiengaenge-fuer-eine-digitale-welt-whitepaper-zur-curriculumentwicklung-als-hochschulweiter-veraenderungsprozess/

Dippelhofer, S., Salzmann, S., & Schork, S. (2025). Future Skills an Hochschulen. Ein Spannungsfeld? Konzepte, Erwartungen und Praxisbeispiele in Studium und Lehre. In Weinheim: Beltz Juventa 2025 (S. 207 pages). Beltz Juventa. http://doi.org/10.25656/01:33079

Ditzel, B., Dahlkemper, J., Landenfeld, K., & Renz, W. (2014). Integratives Grundstudium in den Ingenieurwissenschaften durch Themenwochen – vom Konzept zur Umsetzung. Zeitschrift für Hochschulentwicklung, 9(4), 191–212. https://doi.org/10.3217/zfhe-9-04/12

Ditzel, B., Hieronymus, M., Kärger, C., Rasch, S., & Schulmann, C. (2023). Kompetenz-Matrix für die Studiengangsentwicklung – Orientierungs- und Reflexionsrahmen für die Lehr- und Studiengangsentwicklung. KOMWEID-Impulse, 13. https://www.haw-hamburg.de/detail/news/news/show/kompetenz-matrix-fuer-die-studiengangsentwicklung

Ditzel, B., & Rasch, S. (2021). Partizipative Studiengangsentwicklung in Zeiten von Covid-19 – Erfahrungen mit Online-Workshops im Rahmen einer externen Prozessbegleitung. In M. Bessenrodt-Weberpals & C. Kühnel (Hrsg.), Lehre Lotsen 2016 – 2020: Zweite Förderphase. Dialogorientierte Qualitätsentwicklung für Lehre und Studium an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg (S. 73–89). HAW Hamburg.

Ehlers, U.-D. (2020). Future Skills: Lernen der Zukunft – Hochschule der Zukunft. Springer VS.

Gerholz, K.-H., & Sloane, P. F. E. (2016). Diskursive Studiengangentwicklung. In T. Brahm, T. Jenert, & D. Euler (Hrsg.), Pädagogische Hochschulentwicklung: Von der Programmatik zur Implementierung (S. 151–170). Springer VS. https://doi.org/10.1007/978-3-658-12067-2_10

Haerer, F., & Herzwurm, G. (2022). Literaturanalyse zur Identifikation und Kategorisierung von Ansätzen der Studiengangsentwicklung. https://doi.org/10.3217/ZFHE-17-02/04

Hansmeier, E. (2017). Der Bezugsrahmen kompetenzorientierter Curriculumentwicklung und die Analyse der Curriculum Werkstatt einer ingenieurwissenschaftlichen Fakultät der Technischen Hochschule Köln [Dissertation]. Universität Paderborn.

Healey, M., Flint, A., & Harrington, K. (2016). Students as Partners: Reflections on a Conceptual Model. Teaching & Learning Inquiry: The ISSOTL Journal, 4(2). https://doi.org/10.20343/teachlearninqu.4.2.3

Huber, M. (2023). Der Organisationstyp der Universität. In M. Apelt & V. Tacke (Hrsg.), Handbuch Organisationstypen (S. 431–452). Springer Fachmedien Wiesbaden. https://doi.org/10.1007/978-3-658-39559-9_19

Jäger, C. (2020). Education 4.0 – Die Zukunft der Hochschulen in Deutschland. In S. Tewes, B. Niestroj, & C. Tewes (Hrsg.), Geschäftsmodelle in die Zukunft denken: Erfolgsfaktoren für Branchen, Unternehmen und Veränderer (S. 51–68). Springer Fachmedien Wiesbaden. https://doi.org/10.1007/978-3-658-27214-2_5

Jenert, T. (2025). Studiengangentwicklung. In P. Pasternack, G. Reinmann, & C. Schneijderberg (Hrsg.), Hochschulforschung: Forschung über Hochschule und Wissenschaft (S. 317–326). Nomos Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG. https://doi.org/10.5771/9783748943334

Kretschmer, S. (2018). Entwicklung von grundständigen und weiterbildenden Studiengängen an öffentlichen Hochschulen. Eine organisationssoziologische Analyse auf der Basis von Fallbeispielen [Dissertation]. Carl von Ossietzky Universität Oldenburg.

Rasch, S. (2021). Das Konzept der akademischen Kompetenzorientierung an der HAW Hamburg. In M. Bessenrodt-Weberpals & C. Kühnel (Hrsg.), Lehre Lotsen 2016 – 2020: Zweite Förderphase. Dialogorientierte Qualitätsentwicklung für Lehre und Studium an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg (S. 41–59). HAW Hamburg.

Reis, O. (2015). Learning Outcomes als diagnostisches und didaktisches Instrument. In F. Bock, C. Handschuh, & A. Henkelmann (Hrsg.), Kompetenzorientierte Kirchengeschichte. Hochschuldidaktische Perspektiven nach Bologna (S. 17–35). LIT Verlag.

Salden, P., Fischer, K., & Barnat, M. (2016). Didaktische Studiengangentwicklung: Rahmenkonzepte und Praxisbeispiel. In T. Brahm, T. Jenert, & D. Euler (Hrsg.), Pädagogische Hochschulentwicklung: Von der Programmatik zur Implementierung (S. 133–149). Springer VS. https://doi.org/10.1007/978-3-658-12067-2_9

Schaper, N. (2012). Fachgutachten zur Kompetenzorientierung in Studium und Lehre. Hochschulrektorenkonferenz.

Seidl, T., & Michel, A. (2021). Curriculumentwicklung im Zeitalter der Digitalisierung: Rahmenbedingungen, Herausforderungen, Formate und Inhalte. In Geschäftsstelle beim Stifterverband (Hrsg.), Digitalisierung in Studium und Lehre gemeinsam gestalten (S. 413–430). Springer Fachmedien Wiesbaden. https://doi.org/10.1007/978-3-658-32849-8_24

Wannemacher, K., Bosse, E., Lübcke, M., & Kaemena, A. (2025). Wie KI Studium und Lehre verändert. Anwendungsfelder, Use-Cases und Gelingensbedingungen (Arbeitspapier No. 87). Hochschulforum Digitalisierung. https://hochschulforumdigitalisierung.de/wp-content/uploads/2025/04/HFD_AP_87_Wie_KI_Studium_und_Lehre_veraendert_final.pdf

Wissenschaftsrat. (2022). Empfehlungen für eine zukunftsfähige Ausgestaltung von Studium und Lehre (Drs. 9699-22). https://doi.org/10.57674/q1f4-g978